miegL | artist – künstler

paintings – malerei – sculpture – skulptur – stage design – bühnebild (köln)

Der neue Tod…

DFER NEUE TOD (Günter Gallraff)
GEBOTE (Günter Gallraff)
WELTENBRAND IM SCHWIMMBAD (Dorit Herbert – Pressetext)
WAS WISSEN WIR VOM KRIEGE? (Joachim Geil – Rede)

DFER NEUE TOD
Der neue Tod kommt
nächtens und als Feuerwerk
als Stromausfall am Krankenbett
als Gift im Wasser, Milch und Luft
der neue Tod schwebt engelgleich
in großer Höh‘ und ist gerecht
schont Feind nicht
und trifft auch den Freund.

Der neue Tod steht uns jetzt bei
er ist so fern und doch so nah
er ist gerecht und ganz normal
wir wissen es, gehört dazu
von jetzt an bis auf immerdar.
Wir fürchten nicht den Weltenbrand
du neuer Tod – du fehltest uns.

GEBOTE
Ich bin der oberste Kriegsherr – dein Gott der neuen Weltordnung
Du sollst keine fremden Interessen neben mir haben
Du sollst lügen, wenn du den Krieg populär machen willst
Du sollst töten, wenn du der Stärkere bist!
Der Krieg sei mit euch
Wer „a“ sagt; muß? auch „b“ sagen bis zum bitteren Endsieg
Us – Armeen
Nie wieder Frieden
Der gerechte Krieg = eine humanitäre Katastrophe
Wollt ihr den gerechten Krieg
Das Recht als Selbstzweck gebiert den Terror
Die Selbstgerechten mutieren zu Monstren
Recht haben
Recht nehmen
Neues Unrecht schaffen
Schönwetterlage = Bombenstimmung
Chirurgische Eingriffe = militärisch
Operation gelungen = Patient tot
Bomben für den Frieden
Zerbombt – ausgebombt
Verbombt = Kollateralschäden

WELTENBRAND IM SCHWIMMBAD
Am 11 Juni 1999 beginnt im Kosovo der 80. Kriegstag seit Eingreifen der NATO.
Meldungen über NATO – Bombardements und Krieg sind für viele Menschen in Deutschland zum (weit entfernten) Medienalltag geworden. miegLs interdisziplinäre Installation Der neue Tod… aus der Reihe Nie wieder Frieden! – entlarvt diese Ferne. Mit seiner interdisziplinäre Installation Der neue Tod… im Ehrenfelder Neptunbad bringt miegL den Krieg im Kosovo stellvertretend für Krieg überhaupt, wieder ins Bewusstsein und damit auch ins Gespräch. Die verschiedenen Ausdrucksformen, Plastik/Projekt (miegL), Worte (Günter Wallraff) und Fotografie (Rahim Bouazzaoui), verschmelzen zu gemeinsamen Träger einer moralischen Stellungnahme zu diesem Thema. Der Bildhauer und Maler miegL fertigte für diesen Zweck 21 Knochenplastiken an. Mit ihrer brüchigen Oberflächenstruktur verkörpern sie die (Menschen) Opfer dieses Krieges und stehen für menschliche Verletzbarkeit und Zerbrechlichkeit schlechthin. Die Knochen (er)tragen im doppelten Wortsinn, als Trägermaterial für die Fotos des Diktators Melosevic, aber auch die der G8 – Staatschefs und symbolisch für alles Leid, dass sich dahinter verbirgt.

Der Fotograph Rahim Bouazzaoui hat diese Fotos mit einer speziellen Technik, dünn wie Haut werden lassen. Die Politiker sind gehäutet, ihre Gesichter teils vom rissigen Untergrund der Knochenplastik zerfetzt, so wie in diesem und anderen Kriegen Menschen zu Hunderten gehäutet und zerfetzt werden. Dem Zusammenspiel von Plastik und Fotografie fügt der Kölner Schriftsteller Günter Wallraff Worte hinzu. Es sind die Gebote des Krieges, etwa Du sollst töten, wenn Du der Stärkere bist. Die Knochen werden somit zu Gebotstafeln der besonderen Art. Gruppiert sind 21 Plastiken um eine monströse metallene Erdkugel, Wenn dieser, vom Krieg umschlossene Erdball, während der Aktion in Brand gesetzt wird, verdeutlicht dies dem Betrachter, wie schnell ein lokaler Konflikt zum Flächenbrand werden kann. Wie ein Requiem erklingt dazu das Gedicht DER NEUE TOD von Günter Wallraff.

WAS WISSEN WIR VOM KRIEGE? (Joachim Geil – Rede)
Was gestern der NATO – Generalsekretär verkündete, wurde sofort erleichtert zur historischen Zahl umgeschrieben; Die sogenannte sofortige Aussetzung der Bombardierung, die er verkündete, schreibt uns die Zahl 79 vor. Mit dieser Zahl wurde sogleich die Bilanz gezogen, die Bilanz von 79 Kriegstagen. So schnell kann also Geschichte geschrieben werden. Damit scheint also die Sache erledigt zu sein. Der Blick muss sich ja nach vorne richten. Die Fragejedoch, die mich bewegt hat, hier bei einer Ausstellung zu sprechen, ist folgende; Was wissen wir vom Kriege? Nun haben wir es erfahren; Der Krieg ist AUS. Als ich zu schreiben begann, da brannte es noch täglich: In Serbien, in Montenegro, im Kosovo. Und nun erinnern wir uns an den Krieg. Doch was ist die Kunst anderes als eine Sichtbarmachung von vergegenwärtigter Erinnerung, sei es nun moralisch motiviert als ein dem Vergessen entreißen oder ästhetisch, Komposition einer Idee? So stelle ich – aus der Erinnerung? – doch die Frage: Was wissen wir vom Kriege? Als unmittelbar beteiligte in einem Krieg können wir nichts wissen. Denn der Dualismus der Aggression schreibt an der Stelle der Information die Propaganda vor. Und zugleich sind wir Zuschauer an der medialen Front, die uns eine einzige Vision vom Kriege diktiert; die Television. Paul Virilio schrieb in seinem Essay vom Golfkrieg vor fast 1o Jahren: „Es ist also müßig, sich die Frage zu stellen, was, Information noch von Propaganda unterscheiden könnte. Diese Frage ist nicht mehr aktuell, da die aktive – interaktive – Desinformation niemals die Lüge ist, sondern das Übermaß an widersprüchlicher Information, die Überinformation.“ Die Information hat das Mandat der Echtzeit: So scheint es lächerlich, nun von einem Kriege zu sprechen, der nach 79 Tagen so einfach AUS ist. Doch wir erinnern uns: Wir nehmen in Echtzeit Platz im NATO –Bomber und verfolgen als mediale Unsauberkeit – schwarz –weiß mit unschärfen- Authentizität können wir uns nicht entziehen, und sie setzt uns das untrügliche Wissen ein: Ein Treffer ist gelungen. Doch was ist das für ein Wissen? Es ist kein Wissen, denn vom Kriege wissen wir nichts. Es ist jene Überinformation, von der Virilio spricht: Das Registrieren einer medial geschaffenen Gegenwart, bei der sich nun etwas in unser Bewusstsein eingeschlichen hat, was das eigentlich perfide am Kriege ist. Die Sprache der Bilder durch die wir wissen: Es ist die Sprache der Krieger, der militärischen Techniker. Wir sehen ihre Bilder, denn kann es etwas unmittelbareres und Authentischeres geben als das „Originalmaterial“, wir hören ihre Worte, denn kann es etwas unmittelbareres und Authentischeres geben als die gleich dazugegebene Interpretation. Wenn der nie verlegene Mr. Shea neben der großen Leinwand auch ab und an Kolalateral – Schäden zugibt, dann hat dieser Begriff mittlerweile nicht nur einen Platz in der Welt der Information erschlichen, sondern er schafft auch die Frage: Was wissen wir vom Kriege? Ein moralisches Vakuum: Es sind kleine Betriebsunfälle, die sich da ereignen und die mit Achselzucken hinzunehmen sind, da sonst ein dramatischer Legitimationsschwund erfolgt, der nicht hinnehmbar ist. Wir sehen nichts auf dem Flug durch entvölkertes Land, das wir erst kennen lernen werden; dann nämlich, wenn die Entkommenen dorthin zurückkehren, um die Toten zu begraben.

Was wir sehen, ist die Theorie des Mordens, die dramaturgische Verarbeitung für das Programmformat: Auf die anfänglichen Bilder der Opfer folgten die genugtuenden Bilder der NATO –Operationen. dem Bild einer zerstörten Brücke oder einer zerstörten Fabrik belohnt werden, jetzt in Farbe -dank der Arbeit des Serbischen Fernsehens.

Sind jedoch von Leichenteilen und blutigen Trainingsanzügen, meist jedoch schlecht ausgeleuchtet und unscharf wie unbewiesenes Amatörmaterial. Was wissen wir vom Kriege? Wie werden wir informiert, also wie wird unser Wissen doch Unterweisung geformt, und wozu? Gibt es angesichts des Übermaßes an Bildern ununterbrochener materieller Bewegung – Raketen auf Brücke, Brücke in Wasser, Raketen auf Körper – überhaupt eine immaterielle Ebene, gibt es einen Augenblick, in dem wir Wissen erst schaffen können, um Stellung zu beziehen; Doch was gibt es bisher außer einer Stellung der Serben oder einer Stellung der UCK im Grenzgebiet? Auf die technischen Bilder, auf die technischen Texte, mit denen wir in Echtzeit in diesen Krieg zogen, brauchen wir eine Auszeit, einen Augenblick, dessen Aktualität nicht augenblicklich zerfällt, de uns informationslos fragen lässt. Denn wenn der Krieg zuende ist, dann beginnt der Friede: Doch was wissen wir vom Frieden?

THE NEW DEATH (Günter Gallraff)
COMMANDS (Günter Gallraff)
WORLD BURNING IN THE SWIMMING POOL (Dorit Herbert – press release)
WHAT DO WE KNOW ABOUT WAR? (Joachim Geil – speech)

THE NEW DEATH
The new death comes
at night and as fireworks
as a power outage at the bedside
as poison in the water, milk and air
the new death hovers like an angel
at great heights and is just
sparing no enemy
and also strikes the friend.

The new death is now with us
he is so far away and yet so close
he is just and quite normal
we know it, we belong to it
from now on forever.
We do not fear the world conflagration
you, new death – we need you.

COMMANDS
I am the supreme commander – your God of the New World Order
You shall have no foreign interests besides me
You shall lie if you want to make war popular
You shall kill if you are the stronger one!
War is with you
Whoever says “A” must also say “B” until the bitter final victory
Us – armies
Never again peace
The just war = a humanitarian disaster
Do you want the just war
The law as an end in itself begets terror
The self-righteous mutate into monsters
Being right
Taking rights
Creating new injustices
Fair weather conditions = bombshells
Surgical intervention = military
operation successful = patient dead
Bombs for peace
Bombed out = collateral damage

WORLD BURN IN THE SWIMMING POOL
On June 11, 1999, the 80th day of war since NATO’s intervention began in Kosovo.
For many people in Germany, reports of NATO bombing raids and the war have become part of the (distant) media routine. miegL’s interdisciplinary installation The New Death… from the series Never Again Peace! – debunks this distance. With his interdisciplinary installation The New Death… in the Neptunbad in Ehrenfeld, miegL brings the war in Kosovo back into consciousness, as a representative of war in general, and thus also into the conversation. The various forms of expression, sculpture/project (miegL), words (Günter Wallraff) and photography (Rahim Bouazzaoui), merge into a common vehicle for a moral statement on this topic. The sculptor and painter miegL created 21 bone sculptures for this purpose. With their brittle surface structure, they embody the (human) victims of this war and stand for human vulnerability and fragility per se. The bones bear in the double sense of the word, as a carrier material for the photos of the dictator Melosevic, but also those of the G8 heads of state and symbolically for all the suffering that is hidden behind it.

Photographer Rahim Bouazzaoui used a special technique to make these photos as thin as skin. The politicians have been skinned, their faces partly torn apart by the cracked surface of the bone sculpture, just as hundreds of people are skinned and torn apart in this and other wars. The Cologne-based writer Günter Wallraff adds words to the interplay of sculpture and photography. They are the commandments of war, such as Thou shalt kill when thou art the stronger. The bones thus become tablets of commandments of a special kind. 21 sculptures are grouped around a monstrous metal globe, If this globe, enclosed by war, is set on fire during the action, this makes it clear to the viewer how quickly a local conflict can become a wildfire. The poem THE NEW DEATH by Günter Wallraff sounds like a requiem.

WHAT DO WE KNOW ABOUT WAR? (Joachim Geil – Speech)
What the NATO Secretary General announced yesterday was immediately rewritten as a historic number with a sense of relief; the so-called immediate suspension of the bombing he announced is prescribed by the number 79. This number was used to immediately draw up the balance sheet, the balance sheet of 79 days of war. So that’s how quickly history can be made. That seems to settle the matter. We have to look ahead. However, the question that motivated me to speak here at an exhibition is the following: What do we know about war? Now we know: the war is over. When I began to write, it was still burning daily: in Serbia, in Montenegro, in Kosovo. And now we remember the war. But what is art if not a visualization of recollected memory, whether morally motivated to rescue from oblivion or aesthetically, a composition of an idea? So I ask – from memory? – but the question: What do we know about war? As direct participants in a war, we can know nothing. For the dualism of aggression dictates propaganda in place of information. And at the same time, we are spectators on the media front, which dictates a single vision of war to us; television. Paul Virilio wrote in his essay on the Gulf War almost 10 years ago: “It is therefore pointless to ask what could still distinguish information from propaganda. This question is no longer relevant, since active – interactive – disinformation is never the lie, but the excess of contradictory information, the over-information.” Information has the mandate of real time: so it seems ridiculous to speak of a war that is over so easily after 79 days. But we remember: we take a seat in the NATO bomber in real time and follow the war as media impurity – black and white with blurred authenticity. We cannot escape it, and it instills in us the unmistakable knowledge that a hit has been scored. But what kind of knowledge is this? It is not knowledge, because we know nothing about war. It is the over-information that Virilio talks about: the registering of a media-created presence in which something has now crept into our consciousness that is actually the most perfidious thing about war. The language of the images through which we know: it is the language of the warriors, of the military technicians. We see their images, because can there be anything more immediate and authentic than the “original material”, we hear their words, because can there be anything more immediate and authentic than the interpretation that is provided at the same time. When the never-at-a-loss Mr. Shea occasionally admits collateral damage next to the big screen, then this term has not only found its way into the world of information, but also raises the question: What do we know about war? A moral vacuum: These are small operational accidents that occur and that are to be accepted with a shrug of the shoulders, otherwise there will be a dramatic loss of legitimacy that is unacceptable. We see nothing on the flight through depopulated country, which we will only get to know; namely when the escaped return there to bury the dead.

What we see is the theory of murder, the dramaturgical processing for the program format: the initial images of the victims are followed by the gratifying images of NATO operations. The image of a destroyed bridge or a destroyed factory is rewarded, now in color, thanks to the work of Serbian television.

However, images of body parts and bloody tracksuits are mostly poorly lit and out of focus, like unproven amateur footage. What do we know about the war? How are we informed, and how is our knowledge shaped, and to what end? In the face of the flood of images of uninterrupted material motion – missiles on bridge, bridge in water, missiles on body – is there any immaterial level at all, is there a moment in which we can first create knowledge in order to take a position? But what has there been so far except a Serbian position or a KLA position in the border area? We need a time-out from the technical images and texts with which we went into this war in real time, a moment whose actuality does not instantly disintegrate, that allows us to ask questions without information. Because when the war is over, peace begins. But what do we know about peace?

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